Familiäre Gewalt gegen Mädchen und Frauen - was Politik, Gesellschaft und
Religion tun können. Bericht zur Podiumsdiskussion am 4. Juni 2006 im Dorothee-
Sölle-Haus Hamburg.
Der Fall der ermordeten Morsal O. hat gezeigt, welche Hürden ein heranwachsendes
Mädchen überwinden muss, wenn sie häuslicher Gewalt entkommen möchte. Da ist
zunächst der kulturelle Kontext. Die Politologin und Deutsch-Afghanin, Latifa Kühn,
wies darauf hin, wie zentral der Familienzusammenhalt und die Verwurzelung in der
eigenen Familie im afghanischen Kontext gesehen werde. Da ist zudem eine verbreitete
Scheu vieler Migrantenfamilien vor Behörden und staatlichen Organen. Behörden
lösen Ängste aus. Da ist schließlich die Angst vor Isolation, die mit dem Gang ins
Frauenhaus und dem Aufbau einer neuen Identität verbunden ist. „Wohin sollen wir
die Mädchen denn schicken“, fragte die Mitarbeiterin eines Frauenhauses, wenn sie
einige Tage bei uns verbracht haben und der Schmerz und die Einsamkeit in der
fremden Umgebung übergroß werden? Welches heranwachsende Mädchen ist bereit
und in der Lage, sich konsequent von der eigenen Familie zu trennen und eine neue
Identität aufzubauen? „Ich habe Verständnis dafür, wenn Mädchen und Frauen diesen
Schritt nicht schaffen“, sagte Hella Hinrichsen, Pastorin im Sperrgebiet, einer
Einrichtung des Diakonie-Hilfswerk Hamburg. Von außen sei es leicht, diesen Schritt
zu fordern, die Realität sehe aber leider oft anders aus.
Martina Felz vom Referat Opferschutz der Sozialbehörde ergänzte, dass die Gewaltbetroffenheit
von Frauen mit Migrationshintergrund im Verhältnis zu deutschen Vergleichsgruppen überproportional – gemessen an ihrem Anteil an der gesamten weiblichen Bevölkerung – hoch ist. Hierfür gäbe es vielschichtige Gründe, wie z.B. ein patriarchalisches Rollenverständnis gegenüber Frauen, welches ggf. mit Mitteln der Gewalt von männlichen Familienangehörigen / Ehemännern
durchgesetzt und kontrolliert werde. Pauschale Zuschreibungen und die Reduzierung
der Problematik auf bestimmte Nationalitäten und den Islam seien aber nicht hilfreich.
Allerdings wolle sie nicht verneinen, dass der „Ehrbegriff“, wie er in manchen
Familien verstanden wird, Teil des Problems sei. Manchmal müsse deshalb auch die
Familie als „Sicherheitsrisiko“ gesehen werden. Zudem hält sie „kulturspezifische
Täterarbeit für absolut notwendig“.
Im Rahmen der über 1 ½ stündigen Diskussion, die von der Journalistin Kathrin Erdmann
geleitet wurde, wurden immer wieder Vorschläge zur Verbesserung der Situation
gemacht: Wohnprojekte etwa für von Zwangsverheiratung und häuslicher Gewalt
betroffene Mädchen und Frauen oder Kulturvermittler, die leichter Zugang zu den
Familien von Migranten bekommen könnten. Die Turkologin und Frauenbeauftragte
der Schura, des Rates der islamischen Gemeinschaften in Hamburg, Özlem Nas,
schlug vor, stärker an die Schulen heranzutreten und Initiativen und Projekte zu gestalten,
in denen Aufklärung und Information zur häuslichen Gewalt geboten werde.
Gleichzeitig bot sie an, als Ansprechpartnerin für Frauenhäuser und ferschutzeinrichtungen
zur Verfügung zu stehen, wenn muslimische Frauen betroffen seien. Die
von hoher Sachkompetenz auf dem Podium und im Publikum gekennzeichnete Diskussion
war erfreulich frei von Pauschalzuschreibungen und Schuldzuweisungen. Es
wurde deutlich, dass in einer multikulturellen Gesellschaft nur die gemeinsamen Anstrengungen
aller zum Ziel führen können. Was wir brauchen sei kein „Kampf der
Kulturen“, so Latifa Kühn, sondern eine Überwindung der gesellschaftlichen Trennungen.
Hier trage die ganze Gesellschaft Verantwortung, etwa auch die Stadtplanungsbehörde,
wenn es um die oft gänzlich separaten Wohnkulturen verschiedener
Stadtteile gehe.
Die Podiumsdiskussion hat Mut gemacht, den oft mühevollen, aber notwendigen
Weg zum Schutz von Mädchen und Frauen in dieser Stadt weiterzugehen. Die nterschiedlichen
gesellschaftlichen Gruppierungen dürfen sich dabei nicht auseinander
dividieren oder gegeneinander ausspielen lassen. Das ist nicht zuletzt auch ein wichtiges
Signal für alle, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen nach wie vor als legitim
oder verzeihlich ansehen. Der Fall Morsal O. hat erneut gezeigt, dass eine solche
Haltung völlig indiskutabel ist. Das war auch die einhellige Meinung auf dem Podium
und bei den über 70 im Publikum Anwesenden. Ein gesellschaftlicher Konsens, der
in der Praxis noch stärker genutzt werden kann.
Bericht: Dr. Detlef Görrig, Referat christlich-islamischer Dialog, NMZ-Hamburg
Das Bild zeigt (v. links n. rechts): Latifa Kühn, Özlem Nas, Kathrin Erdmann, Hella Hinrichsen
und Martina Felz (Foto: J. Henschen).
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